07.03.2017Mein Weg

Ich bin 32 Jahre, diplomierte Sportlehrerin und Sportwissenschaftlerin. Erste Anzeichen der Krankheit kamen während meiner zweiten Ausbildung in der Physiotherapieschule. Ich konnte dem Druck der Prüfungen und dem Stress der Schule nicht mehr standhalten. Ich hatte häufig dissoziative Anfälle, eine Art Kurzschlussreaktion vom Gehirn als Schutzmechanismus. Ich begann auch, mich mit einer Klinge selbst zu verletzen. Mir wurde Borderline diagnostiziert, da war ich 23 Jahre alt.

So musste ich meine Ausbildung abbrechen und es begann eine lange Zeit in der Tagesklinik, endlos vielen stationären Aufenthalte in offenen und geschlossenen Abteilungen. Meine selbstverletzendes Verhalten wurde immer häufiger, die Schnitte tiefer. Ich musste regemässig genäht werden. Auch meine Depression als Begleitsymptom wurde stärker, hatte immer häufiger auch suizidale Gedanken. Immer wieder schnitt oder verbrannte ich mich, hatte kaum noch Mut, Wille und Kraft weiter zu machen.

Irgendwann konnte ich wirklich nicht mehr. Doch mein Suizidversuch misslang. Da folgte ein sehr langer Psychiatrieaufenthalt in geschlossener Abteilung und zum Teil Isolationszimmer. Doch wirkliche Fortschritte machte ich nicht.

Ich als Kathia existierte nicht mehr. Ich war nur noch eine Diagnose. Man entschied für mich, was ich brauche, welche Therapie ich haben soll und wen ich sehen darf und wer nicht. Ich erlebte Zwangsmedikation und Zwangsfixierungen. Das war eine schlimme Zeit.

Vom Anfang bis zu diesem Zeitpunkt vergingen fünf Jahre. Ich war damals schon seit zehn Jahre mit meinem Freund zusammen, hatten auch ein gemeinsames Haus. Doch die Beziehung ging an meiner Krankheit kaputt. Ich verstand ihn damals schon. Ich war ein ganz anderer Mensch. Ich lebte gar nicht mehr richtig, ich war nur noch eine leere Hülle vollgepumpt mit Medikamenten. Von denen hatte ich viele, bis zu 14 pro Tag. Ich nahm da auch 25kg zu. Und auch mein soziales Umfeld ging verloren.

Eines Tages durfte ich in eine spezialisierten Borderlineabteilung für Frauen in einer Klinik in Zug gehen. Dies war für mich der Wendepunkt. Irgendwann kann man nicht länger fallen, man berührt den Grund, an diesem kann man sich abstossen um wieder aufzustehen.

Dort bekam ich eine auf mich adaptierte Therapie. Ich war wieder ein Mensch mit Wünsche und Bedürfnisse, plötzlich gab es für mich wieder ein Morgen.

Als ich wieder nach Freiburg zurück kam, ging ich in ein Heim. Dort lebte ich und arbeitete als Landschaftsgärtnerin. Das war genau das richtige für mich war. Draussen sein, mich bewegen, Pflanzen und Erde berühren. Aber auch mich wieder nützlich fühlen, zu einem Team gehören und Wert zu haben war extrem wichtig für diesen Recovery-Weg.

So fand ich langsam den Weg zurück ins Leben.

Nach ein paar Jahren erfuhr ich von der Peer-Ausbildung, (Expert durch Erfahrung) Diese Ausbildung zur Genesungsbegleiterin gibt mir einen Sinn an meiner langen Krankheitszeit und motiviert mich sehr weiter zu machen. Seit letzten März bin ich nun in Ausbildung, besuche die Schule, mache Praktika, das letzte sogar in meiner ehemaligen Psychiatrie...

Und mit verschiedenen Vorträge und Gespräche möchte ich die Menschen für psychische Erkrankungen sensibilisieren und den Vorurteilen und der Stigmatisierung entgegenwirken.

Dank meiner Therapeuten und einem spezifischen Programm (PRISME) im FNPG lernte ich mit dieser Krankheit und den dazugehörenden Spannungen und Ängste umzugehen. Inzwischen kenne ich mich gut. Viele banale Alltagverrichtungen stressen mich immer noch. Briefkasten leeren, Therapie, Einkaufen, ÖV etc. Doch ich gehe mit meiner Spannungsreserve behutsam um. Baue mir immer Zeit ein, um Spannungen und Ängste abzubauen, dies vor allem mit viel Bewegung und Sport. Ich plane meinen Tag sehr genau durch und habe immer Ausschnauf-Inseln...

Auch mein selbstverletzenden Verhalten habe ich nun gut im Griff, obwohl ich zum Teil sehr gegen diesen Drang ankämpfen muss. Es ist halt die „Medikation“ welche am schnellsten und effizientesten hilft meine Ängste und Spannungen zu senken. Aber seit 2.5 Jahren, habe ich es nicht mehr gemacht.

Ich habe immer noch Medikamente, jeden Tag. Und fast einmal in der Woche Therapie mit der Psychologin und werde von einem Psychiater und Ernährungsberater unterstützt und habe eine Sozialarbeiterin welche mich begleitet.

So habe ich ein sehr gutes professionelles Umfeld, welches immer da ist für mich.

Ich glaube, ich habe meinen Weg gefunden. Und bin daran, ihn zu begehen. Ich vergleiche ihn gerne mit einer Bergtour: Manchmal muss ich Umwege nehmen, weil eine Passage zu schwierig ist, manchmal brauche ich ein Seil, meine Medikamente um gut abgesichert zu sein. Ich brauche meine Bergpartner, seien es meine Therapeuten oder mein soziales Umfeld. Und auch wenn die Schritte zum Teil sehr schwierig sind und ich manchmal wieder etwas zurück rutsche, komme ich trotzdem vorwärts. Und jede gemeisterte Stufe hat mich höher gebracht.

Die Krankheit war nicht nur schlecht. Dank ihr, durfte ich mich auf eine ganz andere und intensivere Art kennen lernen. Es haben sich für mich Türen verschlossen, doch andere haben sich geöffnet. Auch gehe ich heute anders durchs Leben. Mit offenen Augen und Herzen, dankbar für all die kleinen Dinge, die man erst zu schätzen lernt, wenn man sie einmal nicht mehr gehabt hat...

Kathia

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